20 Jahre Chinderhus Brienz

Sollen wir einen runden Geburtstag einer Institution wirklich feiern? Einen 20.? Ohne viel zu überlegen, haben wir im Vorstand Chinderhus Brienz diese „Sollen wir“ -Frage mit „Ja“ beantwortet, ohne genau zu wissen, ob wirklich ein Bedürfnis dafür besteht. Wir wollen das Chinderhus-Jubiläum ins Bewusstsein rufen und so den verschiedensten Beteiligten „Danke“ sagen. Allen, die in irgendeiner Form mit dem Chinderhus in Kontakt kamen, Kritikern und Sympathisanten.

Eine ähnliche „Sollen wir“ – Frage müssen sich vor 22 Jahren auch eine kleine Gruppe Frauen gestellt haben. Soll Brienz eine Kindertagestätte haben? Besteht wirklich ein Bedürfnis?

IG Chinderhus (1995 – 1996)

Sie haben diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Daniela von Arx-Sägesser, Barbara Fuchs- Sieber, Katharina Glaus-Zeller, Ruth Gusset-Durisch, Therese Grossniklaus-Winterberger und Susi Jakob-Wälti gründeten die Interessengemeinschaft Chinderhus und führten als ersten Schritt eine Bedürfnisabklärung durch, informierten erstmals die umliegenden Gemeinden und weitere Nonprofit-Organisationen, wie Kirchgemeinden und Stiftungen. Die ersten finanziellen Mittel wurden organisiert, unter anderem auch mit einem Backwarenverkauf im Möbellager der Heilsarmee.

Vereinsgründung (19. August 1996) – das erste Logo

Die Abklärungen ergaben, dass durchaus ein Bedürfnis für eine Kindertagesstätte in Brienz besteht. Wie angekündigt wurde der Verein Chinderhus Region Brienz im Sääli des Restaurant Hotel Steinbock in Brienz gegründet. Die ersten Vereinsmitglieder waren Esther von Rütte (Präsidium), Brigitte Flück-Gloor (Vize-Präsidium), Margrit Mäder-Durisch (Sekretärin), Franz Mäder (Finanzen), Ruth Gusseth-Durisch, Therese Grossniklaus-Winterberger, Susi Jakob-Wälti, Barbara Fuchs-Sieber und Monika Romang.

Ein geeignetes Haus wurde gesucht, ein Betriebskonzept, pädagogisches Leitbild und Budget erarbeitet. Die Betriebsbewilligung wurde eingeholt und man bzw. frau war bereit Risiken einzugehen. Die Finanzierung gestaltete sich nämlich als äusserst schwierig. Es war zwar ein grosser Support vorhanden, aber auch sehr konkrete Kritik.

Durch den Fakt, eine Kindertagesstätte in Brienz zu betreiben, prallten unterschiedliche gesellschaftliche Werte der Kindererziehung aufeinander. Die Frage der Verantwortung wurde gestellt. Kritiker monierten, dass Erziehung innerhalb der Familie stattfinden sollte und Eltern diesbezüglich ihre Aufgaben annehmen müssten.

Betriebsstart im Chinderhus Region Brienz am Ländteweg 3 (6. Januar 1997)

Trotz der Kritik konnten Verhandlungen geführt werden, so dass die Sozialkommission der Gemeinde Brienz die Mietkosten für das erste Jahr übernahm. Die beiden Leiterinnen Daniela von Arx und Franziska Grütter waren bereit im ersten Jahr für einen Stundenlohn von Fr. 15.- zu arbeiten. Weiter konnten für insgesamt 25 Kinder Betreuungsverträge abgeschlossen werden, so dass der offizielle Betriebsstart mit liquiden Mitteln von Fr. 24’000.- und drei Kindern am 6. Januar 1997 erfolgte. Der politische Support blieb verhalten. Dennoch flossen als Starthilfe finanzielle Mittel von beinahe allen Gemeinden der Kirchgemeinde.

Das erste Betriebsjahr (1997)

Das Jahr 1997 war geprägt vom finanziellen Überlebenskampf der neuen Institution. Der Betrieb verlief in geordneten Bahnen, die Auslastung wurde immer besser, die finanzielle Sicherheit blieb klein. Das Chinderhus betreute Kinder im Vorschul- und Schulalter und bot für Kinder, die in Brienz zur Schule gingen, aber in den umliegenden Gemeinden wohnten einen Mittagstisch an. Dank Spenden (Ruchti Fonds, Pro Juventute, Misteli Fonds, Frauenvereinen, Kirchgemeinde, Private u.a.) und den niedrigen Lohnkosten, schloss das erste Betriebsjahr ausgeglichen ab.

Das Jahr der Bewährung (1998)

Es wurden normalere Löhne bezahlt, diese lagen aber immer noch weit unter dem Niveau von Kindergärtnerinnenlöhnen. Wiederum gingen zum Teil sehr grosszügige Spenden ein, das Jahr wurde jedoch mit einem Verlust von Fr. 20‘000.- abgeschlossen.

In den beiden Startjahren wurde immer wieder das Gespräch mit den Behörden von Brienz und den umliegenden Gemeinden gesucht. Doch der Gemeinderat Brienz lehnte ein Unterstützungsgesuch kategorisch ab und trat auch auf ein Wiedererwägungsgesuch der Pro Juventute nicht ein. Es wurde jedoch eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Chinderhus Vorstands und des Gemeinderats Brienz gegründet. Als Folge davon übernahm die Gemeinde Brienz die ungedeckten Betreuungskosten von den Eltern mit geringem Einkommen. Die Fr. 11‘000.- halfen im Überlebenskampf. Aber nicht für lange.

Das Chinderhus stellt den Betrieb ein (1. Juli 1999)

Im Mai 1999 musste der Vorstand die vorläufige Schliessung des Chinderhus für das zweite Halbjahr 1999 bekannt geben. Den Betreuerinnen und einer Praktikantin musste gekündigt werden, 34 Kinder konnten nicht mehr im Chinderhus betreut werden.

An einem runden Tisch mit den Behörden von Brienz und den umliegenden Gemeinden wurden die wirtschaftliche Situation und die erforderlichen Massnahmen im Detail dargelegt. Die schriftlichen Gesuche wurden allesamt abschlägig beantwortet. Die Stimmung im Vorstand war auf dem Tiefpunkt angelangt. Wut, Trauer und Enttäuschung machten sich breit.

Der existentielle Durchbruch (Gemeindeversammlung vom 2. Dezember 1999)

Der Vorstand beschloss die Flucht nach vorne und beantragte an der Gemeindeversammlung vom 2. Dezember 1999 einen Beitrag für das Jahr 2000 von Fr. 30‘000.-. Es war eine denkwürdige Versammlung mit hitzigen emotionalen Äusserungen, welche wiederum auf unterschiedlichen Werten der Kindererziehung und der Gesellschaft beruhten. Die Versammlung nahm den Antrag mit 126:118 an. Das Chinderhus Region Brienz konnte ab Januar 2000 wieder öffnen.

Neustart und Stimmungsumschwung (3. Januar 2000)

Dieser Beschluss und die sachliche und kontrovers geführte Argumentation an der Gemeindeversammlung führten generell zu einem Stimmungsumschwung. Die skeptische Haltung gegenüber dem Chinderhus („Hobby einiger Emanzen“) veränderte sich in Wohlwollen. Auch Eltern von etablierten Brienzer Familien brachten nun ihre Kinder zur Betreuung an den Ländteweg 3. Die Nachfrage wurde bedeutend grösser. Die Kinderbetreuungstage wuchsen stetig von 500 bis 850.

In den Nachbargemeinden blieb dies nicht ohne Folgen: Ab 2001 leisteten auch Schwanden, Oberried und Meiringen einen Jahresbeitrag, im Sommer desselben Jahres folgte Brienzwiler aufgrund einer Volksinitiative. Mit den Gemeinden wurden Leistungsvereinbarungen abgeschlossen für wiederkehrende Jahresbeiträge, zudem unterstützte die Kirchgemeinde das Chinderhus weiterhin.

Das wirtschaftliche Überleben geht weiter (2000 – 2005)

An der Hauptversammlung 2001 trat Esther von Rütte nach vier Jahren vom Präsidium zurück. Mit dem ganzen Team half sie intensiv mit, dass das Chinderhus finanziell und betrieblich beruhigtere Zeiten vor sich hatte. An ihre Stelle trat Andreas Stäger. Er hatte sich schon länger für das Chinderhus eingesetzt und mit seinem Verhandlungsgeschick und seiner Hartnäckigkeit entscheidend dazu beigetragen, dass die Gemeinden regelmässig Unterstützungsbeiträge leisteten. Mit den Beiträgen der Gemeinden und Eltern konnten aber immer noch nicht die vollen Kosten gedeckt werden. Haushälterisch mit den vorhandenen Mitteln umgehen war nach wie vor sehr zentral, genauso wie das Durchführen zusätzlicher Finanzierungsaktionen, wie das „Chinderhusfest“.

Dem gesamten Chinderhusteam ging auch unter Petra Brodwolf, welche das Präsidium 2003 übernahm, die Arbeit nicht aus. Mit viel Einsatz, Phantasie und Umsicht steuerte sie das Chinderhus und bewältigt auch grosse Herausforderungen, wie die erneut prekäre Lage im Jahr 2004. Das Chinderhus erreichte 2005 mit rund 950 Betreuungstagen einen neuen Höchststand.

Wirtschaftlich ruhige Zeiten – Der Kanton Bern lanciert eine neue Verordnung (2006)

Wirtschaftlich definitiv ruhigere Zeiten kamen mit der ASIV (Verordnung über Angebote zur sozialen Integration im Kanton Bern). Der Kanton Bern garantierte die finanzielle Stabilität und es entstanden verschiedene weitere Kindertagesstätten im Kanton Bern. Die Gemeinde Brienz, als Standortgemeinde des Chinderhuses, erhielt die Bewilligung für das Führen einer Kindertagesstätte mit 10 Betreuungsplätzen. Der Kanton legte die Betreuungsgebühren für Eltern nach Einkommensstärke fest und senkte somit die Kosten für Eltern mit niedrigem und mittlerem Einkommen gegenüber dem bisherigen Chinderhustarif massiv. Er garantiert der Standortgemeinde einen festen Betrag pro Betreuungstag. Die bisherigen Beträge der Gemeinden entfielen und das Chinderhus schloss mit den Gemeinden Brienz, Schwanden, Oberried, Hofstetten, Brienzwiler und Meiringen Leistungsvereinbarungen auf Basis der ASIV ab. Die ASIV zeigte Wirkung. Das Chinderhus konnte die Anstellungen auf 150% erhöhen, die Betreuungstage stiegen auf 1251, die Auslastung war bei 100%, das Defizit betrug Fr. 200.-. Dieser Erfolg schaffte ein neues Problem – die 10 bewilligten Plätze konnten am Ländteweg 3 nicht gewährleistet werden und ein neuer Chinderhusstandort wurde zum Thema.

Das Chinderhus feierte 10 Jahre (2007)


Das Chinderhus feierte sein 10 jähriges Bestehen mit einem grossen 10-Jahres-Jubiläumsfest mit dem Duo „Leierchischte“ und vielen geladenen Gästen im Gemeindesaal Dindlen, Brienz.

«Ich bin stolz auf unser Chinderhus». Dies war der Satz in der Rede des Brienzer Gemeindepräsidenten Peter von Bergen, welchen Vorstand, Mitarbeitende und Eltern an der Jubiläumsfeier im Gemeindesaal wahrscheinlich ganz besonders freute.

Wie das Chinderhus ins Birgli kam (2008)

Das Chinderhus suchte ein neues Haus und besichtigte verschiedene Objekte. Beinahe zeitgleich mit der Übernahme des Chinderhuspräsidiums (2003) übernahm Petra Brodwolf die Leitung der Turnstunde im Altersheim Birgli. Angeregt durch Heidi und René Rohr nahm sie in Schulferienzeiten ihre eigenen Kinder mit. Die Erfahrungen aus diesen Begegnungen waren stets positiv. Petra fasste sie so zusammen: „Die Bewohnerinnen und Bewohner waren jeweils angeregter, lebendiger, erzählten von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln oder aus ihrer eigenen Kindheit. Meine Kinder konnten einen Teil ihrer Scheu vor fremden Erwachsenen ablegen.“

Und damals im Jahr 2008 erinnerte sich Petra wieder an die Erlebnisse und die Gespräche mit Heidi und ohne zu überlegen, wo und wie eine Unterbringung überhaupt möglich wäre. Sie erzählte Heidi und Rene Rohr, dass das Chinderhus neue Räume suchte und sie sich gut vorstellen könnte, dass das Chinderhus ins Birgli käme. Rohrs sahen sich an und schon waren alle drei am Nachdenken: Wo im Haus wäre dies möglich?

Da die Spitex bald ihre Büroräume im Gartengeschoss des Hauses verlassen würde, war innerhalb einer halben Stunde ein Einzug des Chinderhuses denkbar geworden. Und schon am selben Tag wurden die ersten konkreten Schritte eingeleitet, Vorstand und Heimkommission kontaktiert.

2010 Umzug an den neuen Ort – ein neues Logo – kürzerer Name

Im Januar 2010, ungefähr eineinhalb Jahre nach dem ersten Gespräch von Petra Brodwolf mit Rohrs, zog das Chinderhus ins Altersheim Birgli ein. Nach dreitägigen Zügelferien startete das Chinderhus Brienz am 1. Februar 2010 am neuen Standort. Was vor einem Jahr noch wie ein Traum anmutete, wurde nun Realität: Die ältesten und jüngsten Brienzer werden, zwar von verschiedenen Institutionen, aber unter einem Dach betreut. Begegnungen zwischen den Generationen waren nicht nur erwünscht, sondern wurden auch geplant. Sinnbildlich hatten wir unser Logo angepasst und den Namen „Chinderhus Region Brienz“ geändert in Chinderhus „im Birgli“ Brienz.

Zur Hauptversammlung 2012 zog sich Petra Brodwolf nach 10 Jahren zurück und übergab das Präsidium an Andrea Grawehr.

Die „Urbetriebsleiterin“ verlässt das Chinderhus (2014)

Ein neuer Standort war gefunden und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren durch die ASIV stabil. Für das Chinderhus begann die Phase, mit den gegebenen Rahmenbedingungen umzugehen. Wir begannen, verschiedenste Reglement und Richtlinien zu erneuern und mussten eine neue Herausforderung bewältigen. Franziska Grütter (die damalige Betriebsleiterin) entschloss sich, nach 18 Jahren Chinderhus einen Schlussstrich zu ziehen. Sie war zusammen mit Daniela von Arx die erste Betreuungsperson des Chinderhus. Der Vorstand war nun strategisch gefordert, wie die mittelfristige Zukunft des Chinderhus aussehen sollte und vollzog eine radikale Umstrukturierung auf Mitarbeiterebene. Susanne Haus wurde angestellt und leitete neu ein dreiköpfiges Team, welches in der Regel von einer Lernenden und einer Praktikantin ergänzt wurde. Die Männerquote wurde gelegentlich von Zivildienstleistenden erfüllt.

Auch in unserem unmittelbaren Umfeld veränderte sich einiges. Am 1. Februar 2015 kam die Heimleitung des Altersheim Birgli in neue Hände und wir waren dankbar, dass auch der neue, wichtigste Partner weiterhin zu uns stand.

Die letzten Gründungsmitglieder verlassen das Chinderhus (2016)

2015 entschieden sich Franz Mäder (Ressort Finanzen) und Margrit Mäder-Durisch (Revisorin), dass die Hauptversammlung vom 20. Mai 2016 ihre letzte sein sollte. Für den Chinderhusvorstand war dieser Umstand wiederum mit grossen Veränderungen verbunden, zumal sich auch Andrea Grawehr entschied das Präsidium abzugeben. Neuer Präsident wurde Heinz Stadler. Das Finanzressort wurde neu auf drei Schultern verteilt, die Lohnverwaltung ausgelagert. Mit der Implementus AG haben wir eine externe neue Partnerin gefunden und mit Alice Rumma Camenisch, sowie Judith Fuhrer zwei neue Vorstandsmitglieder.

20 Jahre Chinderhus (2017)

Durch das ganze Jahr hindurch werden wir mit kleinen Aktionen auf unser Jubiläum aufmerksam machen und sagen so „Danke“. Als Symbol wird uns die Chinderhusschnecke begleiten. Wie eingangs dargestellt, entstand sie durch eine schrittweise Veränderung der Zahl 20.

Die Schnecke wird sich wie ein roter Faden durchs Jahr ziehen, Spuren hinterlassen und steht für die Veränderungen, welche das Chinderhus erlebt hat und mit Sicherheit auch in Zukunft erleben wird.

Am 6. Mai 2017 werden wir zusammen mit dem Frühlingsfest des Altersheim Birgli unser traditionelles Chinderhusfest (für die Kleinen) durchführen. Am Abend findet dann im Kirchgemeindehaus Kienholz ein Festanlass für geladene Gäste und aktuelle, sowie ehemalige Chinderhüslerinnen und Chinderhüsler (für die Grossen) statt.

Februar 2017/hs

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